Die ersten Evangelischen in Untervaz

ettliche eyferige anderstige, evangelische leut, als statthalter Peter Matthys, schreyber Michael Alamann, Hans Suter und andere mehr

Wappen UntervazDie ersten Evangelischen in Untervaz stammen aus einheimischen Familien. Das Geschlecht der Mathys ist zwischen 1496-1622, die Familie Allemann ab 1519 urkundlich belegt und bis heute bei uns ansässig. Die ersten Evangelischen sind also nicht als fremde Macht, Aussenseiter oder auch nur Zuzüger anzusehen, die widerrechtlich fremde Sitten und Gebräuche ins katholische Dorf brachten. Vielmehr tragen sie bereits 1611 wichtige Funktionen und vertreten relevante Anliegen einer Öffentlichkeit im Dorf. Sie treten gerade nicht als Einzelpersonen auf, sondern repräsentieren eine bereits bestehende und in diesen Jahren stetig wachsende Gemeinschaft, die ihre Rechte als Bürger in vollem Umfang wahrnehmen möchte.

Als Vertreter einer religiösen Minderheit, die sich gleichwohl als Christen auf dem Boden der alten Kirche verstehen, wollen sie die allgemeine Dorfkirche anteilig mitbenutzen. Als Erneuerungsbewegung wünschen sie auch, einen eigenen Pfarrer anzustellen. Da es damals zu den Bürgerpflichten gehörte, auch einen Beitrag zur Besoldung des Dorfpfarrers zu leisten, wollen sie dies auch diesem künftigen evangelischen Seelsorger nicht vorenthalten. Da ihnen dies im direkten Gespräch verweigert wird, wählen sie den Rechtsweg und wenden sich an den mehrheitlich reformierten Bundestag.

1611: Delegation an den Bundestag in Davos

Der Statthalter (= Stellvertreter des Gemeindepräsidenten) Peter Mathys, der Dorfschreiber Michael Allemann sowie weitere Evangelische werden also nach Davos an den Bundestag der Drei Bünde delegiert.

Es erschien ihnen vielleicht ratsam, in Begleitung des energischen Malanser Pfarrers zu gehen. Andererseits würde sich dieser Johann von Porta in späteren Jahren nicht nur als zäh und unbeugsam verhandelnder Verteidiger des neuen Glaubens, sondern bisweilen als harter und rücksichtsloser Charakter erweisen. Ihm eilte wohl ein ambivalenter Ruf voraus, weshalb er den katholischen Untervazern immer ein besonderer Dorn im Auge war. Jedenfalls war mit seiner Begleitung der Delegation die Unterstützung der Bündner Synode sicher, die in Ilanz gegen die Benachteiligung der Evangelischen in paritätischen Gemeinden aktiv angehen wollte.

Wir müssen für eine möglichst faire Rekonstruktion der Ereignisse immer die lokalen Perspektiven (Dorf) von den verschiedenen regionalen (Bünden, Rheintal, Chur) und überregionalen Interessen (kriegführende Staaten in Europa) unterscheiden. Das gilt auch für die kath. Seite. Untervaz gehörte nicht nur zum Gotteshausbund, sondern auch zum Herrschaftsgebiet des Churer Bistums. Je nachdem, wie stark oder schwach die externen Kräfte waren, fällt auch die Reaktion im Dorf aus. Auf der anderen Seite waren wohl nahezu alle Dorfbewohner grundsätzlich daran interessiert, praktisch miteinander auszukommen und vor allem das glücklicherweise geographisch günstig, nämlich etwas abgelegene Dorf nicht den Risiken kriegerischer Auseinandersetzung auszuliefern.

1611: Entscheidung des Bundestages in Davos

Der Bundestag hebt den Eid der kath. Mehrheit der Untervazer auf und fordert volle Religionsfreiheit. Der Eid hatte es Auswärtigen verboten, religiöse Neuerungen im Dorf vorzuschlagen. Wie erwähnt, waren die führenden Evangelischen jedoch einheimische Bürger. Für den Herbst ist noch ein etwas anders lautender Eid aus Untervaz belegt, und zwar im Zusammenhang mit der ersten reformierten Predigt (s.u.), die Katholischen schworen:

bei der römisch catholischen religion zu verblyben, läben und stärben

In allen folgenden Urteilen und Entscheiden wird immer wieder auf den Davoser Entscheid Bezug genommen. Ein erstes Schiedsgericht erreicht jedoch keine Einigung, im Gegenteil.

7.9.1611: Mehrheitsbeschluss an der Gemeindeversammlung Untervaz

Wahrscheinlich unter der Leitung (des zwei Wochen später schriftlich belegten) katholischen Ammanns = Gemeindepräsidenten Hans Flury widersteht die einberufende Gemeindeversammlung dem Beschluss des Bundestages. Bartli Flury schlägt vor, man möge den Beschluss geradewegs in den offen werfen.

Die GV reagiert insgesamt recht besonnen. Mehrheitlich wird beschlossen, die Evangelischen sollen andernorts zum Gottesdienst gehen oder eben einen eigenen Pfarrer in ihren Häusern predigen lassen. Letztere Einschränkung bot aber eine Möglichkeit für Predigten auf Grundstücken und grösseren Räumen, die im Besitz von Reformierten waren.

Die Tenne der Familie Mathys

Wir wissen leider nicht mehr, wo sich die Tenne des Statthalters Peter Mathys einmal befand. An dieser Stelle predigten wahrscheinlich fast alle evangelischen Pfarrer bis zum Mai des folgenden Jahres. Wahrscheinlich kann dies bereits für die erste Predigt angenommen werden, auch hier wird auf einen Raum Bezug genommen.

Die Tenne, heisst es am 22. September, war so lang und breit wie ein zimliche kilchen.

15. September 1611: Der Prediger Georg Saluz

Georg Saluz wurde 1571 in Jenaz geboren und mit 19 Jahren in die Synode aufgenommen. Nach Pfarrstellen in Seewis, Grüsch und Schuders wurde er 1606 als Pfarrer an die Martinskirche in Chur sowie zum Hauptpfarrer (Antistes) berufen. Am 20. Januar 1645 verstarb Saluz in Chur. Weil er als sehr stark galt, wurden noch während seines Lebens Episoden über ihn erzählt.

Fortsetzung folgt …

(Jörg Lanckau)